Von außen betrachtet war ich erfolgreich. Ich wusste das auch. Nur angekommen ist dieses Gefühl bei mir nie.

Ich war mit fünfzehn als Austauschschülerin in Frankreich. Ich war Klassenbeste, gewann an meiner Schule einen Politikwettbewerb, wurde von meinen Lehrern geschätzt und schloss mein Abitur schließlich mit 1,0 ab.

Eigentlich hätte ich mich irgendwann erfolgreich fühlen müssen.

Und trotzdem tat ich es nicht.

Egal, was ich erreichte – es reichte nie aus. Erst dachte ich: Wenn ich sehr gute Noten habe. Dann: Wenn ich die Beste bin. Danach: Wenn ich das Abitur geschafft habe.

Doch die Ziellinie verschob sich jedes Mal ein Stück weiter.

Ich jagte immer weiter – und verlor dabei immer mehr mich selbst. Denn egal, wie gut ich war, ich glaubte immer weniger an mich selbst und meine eigenen Fähigkeiten.

Rückblickend ist mir klar geworden:

Ich habe mich nicht nur hinterfragt.

Ich habe mich jedes Mal infrage gestellt.

Und vielleicht war das größte Problem nie, dass ich zu wenig geleistet habe.

Vielleicht war das größte Problem, dass ich mir trotz all meiner Leistungen nie wirklich vertraut habe.

Denn ich habe all die Zeit geglaubt, ich müsste das Meer besiegen.

Am Anfang habe ich noch versucht, vor der Welle zu fliehen.

Dann dachte ich, ich müsse mit aller Kraft auf sie zuschwimmen.

Ich habe mich immer weiter gepusht und bin rücksichtslos über meine Grenzen hinausgegangen. Immer in der Hoffnung, mir irgendwann beweisen zu können, dass ich stark genug bin. Dass ich gut genug bin.

Die Konsequenz?

Ich war irgendwann wie ein ausgebranntes Handy mit leerem Akku und fehlfunktionierendem Stromsparmodus.

Erst als ich nicht mehr weitermachen konnte, begann ich, einen anderen Gedanken zuzulassen.

Vielleicht geht es gar nicht darum, jede Welle auf Anhieb zu meistern.

Vielleicht reicht es schon, darauf zu vertrauen, dass mich auch eine Welle nicht daran hindert, wieder aufzutauchen.

Ich möchte lernen, auf der Welle zu reiten, anstatt ständig in der Angst zu leben, von der nächsten unter Wasser gedrückt zu werden.

Lange dachte ich, ich müsste entweder vor ihr davonlaufen oder mutig auf sie zuschwimmen.

Heute frage ich mich, ob es nicht noch eine dritte Möglichkeit gibt: nicht vor den Wellen davonzulaufen und ihnen auch nicht entgegenzustürmen, sondern zu lernen, mit ihnen zu gehen. Kurz innezuhalten, wieder festen Boden unter den Füßen zu finden und auch auf unruhigem Wasser die Balance zu halten.

Vielleicht ist genau das der Gedanke hinter der stoischen Philosophie: nicht kämpfen, nicht fliehen, sondern wahrnehmen, annehmen und bewusst handeln.

Oder, wie Avatar Aang sagen würde: Neutral Jing.

Denn vielleicht muss ich gar nicht rennen – weder hin noch weg.

Vielleicht darf ich einfach mal anhalten und begreifen, dass Stillstand nicht gleich Rückschritt bedeutet.

Ich muss nicht immer performen.

Ich muss nicht immer die Beste sein.

Ich muss nicht immer überdurchschnittlich sein.

Ich muss keine 110 % geben.

Und ich muss mir Pausen auch nicht erst verdienen.

Meine Mum sagt immer, dass alles irgendwann einen Sinn ergibt.

Lange war ich überzeugt, dass auch meine Erschöpfung irgendwann Sinn machen würde. Dass sie einfach der Preis für meinen Traum vom 1,0-Abitur sei. Ich habe mir eingeredet, dass sich all das irgendwann auszahlen würde. Dass dieses emotionale Chaos und der innere Kampf dazugehören – vielleicht sogar nötig sind.

Aber diese Überzeugung begann zu bröckeln.

Und zwar erst, nachdem ich selbst schon in Trümmern lag.

Ich frage mich inzwischen: Ist mir der Weg zum Erfolg wirklich jeden Preis wert? Und was bedeutet Erfolg überhaupt?

Früher hätte ich vermutlich geantwortet: ein 1,0-Abitur. Gute Noten. Wettbewerbe.

Heute weiß ich es nicht mehr.

Ich hatte Perfektion zu meinem Maßstab gemacht.

Alles darunter fühlte sich wie Scheitern an.

Und dabei hat nie jemand verlangt, dass ich perfekt bin.

Ich habe nur irgendwann angefangen zu glauben, dass ich es sein muss.

Viele dieser Erwartungen hat mir nie jemand direkt auferlegt. Ich habe sie mir selbst aufgebaut.

Vielleicht kamen sie aus der Schule.

Vielleicht einfach aus mir selbst.

Vielleicht aber auch aus all den Botschaften, die mir jeden Tag über Social Media begegneten:

“Study until you can’t get it wrong.”

“Lock yourself away and study until you collapse. True brilliance comes from obsession.”

“This is not a game. This is your freaking future. Put in the hours, study and become the best version of yourself.”

…nur dass ich mich wie die schlimmste Version meiner selbst fühlte.

Irgendwann merkt man gar nicht mehr, wie sehr man diese Stimmen übernimmt.

Produktivität wird plötzlich zur Persönlichkeit.

Stundenlanges Lernen wirkt wie ein Erfolg.

Pausen fühlen sich wie Faulheit an.

Und auch gut gemeinte Worte können unterschiedlich ankommen.

Wenn in der Abiturvorbereitung gesagt wurde: „Es sind nur noch drei Monate.“ oder „Jetzt müsst ihr nochmal alles geben.“, sollte das wahrscheinlich motivieren.

Bei mir hatte es oft den gegenteiligen Effekt.

Es fühlte sich an, als würde der Druck, den ich mir ohnehin schon machte, plötzlich von allen Seiten bestätigt werden.

Vielleicht müssen wir Erfolg neu definieren.

Nicht als eine Zahl auf einem Zeugnis.

Nicht als eine Medaille.

Nicht als einen Lebenslauf.

Sondern als etwas, das sich auch nach Erfolg anfühlt.

Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht genau, wie meine Definition aussieht.

Aber ich glaube, sie hat weniger mit akademischen Auszeichnungen zu tun als mit inneren Gefühlen.

Mit Leichtigkeit.

Mit Dankbarkeit.

Mit Frieden.

Denn was bringt mir ein Erfolg, wenn ich mich auf dem Weg dorthin selbst verliere?

Und du?

Was bedeutet Erfolg für dich?